Co-Regulation

– Was ist Co-Regulation und warum macht sie im beziehungs- und bedürfnisorientierten Familienleben so viel Sinn? –

Eine zentrale Frage, die Eltern (vor allem) in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder umtreibt, ist, wie sie reagieren können, wenn ihr Kind in einem Wutsturm ist. Eine weitere große Frage ist, wie Eltern ihr Kind dabei unterstützen können, dass es lernt, Strategien zu entwickeln, um in seine Ruhe (zurück) zu finden.
Auf beide Fragen passt die Antwort: durch Co-Regulation. Mit diesem Blogbeitrag möchte ich dir zeigen, warum Co-Regulation so eine zentrale Rolle spielt, was sie eigentlich ist und warum sie so viel Sinn macht.

(Und weil ich dich auch über diesen Beitrag hinaus darin unterstützen möchte, in eine co-regulierende Haltung zu kommen, die sich auch für dich gut anfühlt, habe ich ein kleines Heft, einen Impulsfaden, hergestellt, den du dir hier kostenlos runterladen kannst.)

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Co-Regulation

Bestimmt kennst du das: dein Kind regt sich wahnsinnig über eine Sache auf… Je nach Alter schmeißt es sich vielleicht auf den Boden, schreit herum, wirft Gegenstände oder möchte jemanden hauen. Du siehst: es geht ihm nicht gut. Gleichermaßen geht es auch dir als die Person, die dein Kind in der Situation begleitet, nicht gut. Aus deiner eigenen Kindheit kennst du in dem Zusammenhang „Ansagen“ wie zum Beispiel „Hör jetzt auf!“, „Beruhige dich jetzt.“ oder „Jetzt reicht es aber auch mal wieder.“ Du möchtest dein Kind anders begleiten, weil du das diffuse Gefühl hast, dass es sinnvoller ist, dein Kind und seine Gefühle ernst zu nehmen. Gleichermaßen zweifelst du immer wieder, ob das wirklich Sinn macht und außerdem fragst du dich, wie dieses „anders begleiten“ in solchen Situationen aussehen soll.
Das Schlagwort „Co-Regulation“ liefert in dem Zusammenhang Antworten.

Emotionsregulation: Co-Regulation und Selbstregulation

Unser Nervensystem hat die Fähigkeit, emotionale Reaktionen auf etwas, das es als bedrohlich erachtet, zu kontrollieren oder zu regulieren. Diese Fähigkeit nennt man Emotionsregulation. Es ist die Fähigkeit, aufmerksam und präsent zu bleiben und Emotionen zu verarbeiten, während unser präfrontaler Kortex (Logik, Problemlösung und Argumentation) aktiv bleibt.

Emotionsregulation findet mit Hilfe von Co-Regulation oder durch Selbstregulation statt. Co-Regulation bedeutet, dass uns jemand unterstützt, während wir bei der Selbstregulation die Regulationsmechanismen, die wir erlernt haben, selbst oder alleine ausführen.

Emotionsregulation ist also ein komplexer Prozess, der sich innerhalb der Bindungsbeziehung durch Co-Regulation entwickelt und bereits im Säuglingsalter beginnt. Co-Regulation wird von einer Bezugsperson, die in der Lage ist, konsistente und sichere Antworten auf die Not eines Säuglings zu geben, gefördert. Die Einstimmungs-, Bindungs- und Regulationsfähigkeiten sind im Gedächtnis eingeprägt und bilden die Grundlage für die Selbstregulation.

Kurz gesagt: die Co-Regulierung in der Bindungsbeziehung legt den Grundstein für die Selbstregulation.

Co-Regulation findet aber nicht ausschließlich im Säuglingsalter und auch nicht nur mit Hilfe der primären Bezugspersonen statt. Auch im Kleinkind- und Kinderalter spielt Co-Regulation eine große Rolle beim Erlernen von Emotionsstrategien. Viele Eltern von Kindern, die sich mit dem Begriff „gefühlsstark“ auseinandergesetzt haben, werden schonmal über den Begriff Co-Regulation gestolpert sein, denn hier liegt der Zusammenhang zwischen der ausgeprägten Amygdala und der Stimulation des Vagusnerves durch die Unterstützung des „Cos“ auf der Hand.
Als Bezugsperson eines Kindes in Kindergarten und Schule kann es ebenso sehr hilfreich sein, über die Kraft von Co-Regulation zu wissen. Denn Emotionen hören ja nicht damit auf, dass man das Haus und seine primären Bindungspersonen verlässt. Auch im Kindergarten und zum Teil auch in der Schule durchleben Kinder Emotionen, die evtl in heftige Gefühlsstürme münden.
Unser Bedürfnis nach Co-Regulierung hört nicht auf, sobald sich unsere Fähigkeit zur Selbstregulierung entwickelt hat. Als Menschen hören wir nie auf, die Unterstützung, das Verständnis, die Bestätigung und das Einfühlungsvermögen anderer zu brauchen.

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Doch was genau bedeutet jetzt eigentlich Co-Regulation?

Die Gefühle, die Menschen in unserer direkten Nähe ausstrahlen und ihr Verhalten, können direkt beeinflussen, wie wir uns fühlen und welche unserer Emotionen in den Vordergrund rutschen.
Grund dafür sind Spiegelneuronen. Spiegelneuronen sind ein weit verzweigtes System von speziellen Nervenzellen in unserem Gehirn. Diese Nervenzellen werden durch die Gegenwart anderer Menschen aktiviert und rufen sozusagen spiegelbildlich die Gefühle oder Körperzustände des anderen in uns wach. Spiegelneuronen sind somit die neurobiologische Basis für unser intuitives Wissen und das Verständnis dessen, was andere Menschen fühlen. Sie melden uns, was Menschen in unserer Nähe fühlen, und lassen uns deren Freude oder Schmerz mitempfinden. Deshalb ist Lachen so ansteckend, umgekehrt aber auch eine gedrückte Stimmung.
Wenn Kinder von großen Gefühlen übermannt werden, gelingt es ihnen leichter, ruhig zu bleiben oder wieder in ihre Balance zu kommen, wenn sie ein Gegenüber haben, was ruhig und entspannt, oder reguliert ist und dabei die Gefühle des Kindes ernst und wichtig nimmt.

Co-Regulation bedeutet, dass du warm und herzlich (und dabei echt!) mit deinem Gegenüber in Beziehung trittst. Durch diese Art der Interaktion fühlt sich die andere Person verstanden und vor allem nicht mehr alleine. Sie bekommt Unterstützung in Form von ruhiger Begleitung und Regulationsmöglichkeiten durch Adaption des Verhaltens der Bezugsperson. Die Person, mit der du auf diese Art und Weise interagierst hat nicht das Gefühl, dass sie etwas falsch gemacht hat. Sie wird nicht für ihre Gefühle angemeckert oder darauf hingewiesen, dass „es jetzt mal reicht“.

Und in dem ECHT und der Wichtigkeit der Ausgeglichenheit liegt begründet, warum es so wichtig ist, dass du dich gut um dich selbst kümmerst. Dass du dich selbst gut kennst, dass du weißt, was dir gut tut und dich „runter bringt“, dass du aber auch weißt, an welchen Punkten deine Grenze erreicht ist und was du dann am besten für dich tust.
Nicht zuletzt das Wissen um die Kraft der Co-Regulation, das Wissen um die Kraft der Spiegelneuronen, begründet, warum es so wichtig ist, dass du dich um DEINE Bedürfnisse kümmerst, auch dann, wenn es gar nicht dein primäres Ziel ist, dass es dir gut geht, sondern wenn es eigentlich dein primäres Ziel ist, dass es deinen Kindern gut geht und sie in ihrer Kraft und Ausgeglichenheit sind.

Wie sieht also Co-Regulierung aus?

Dadurch dass zwei Personen, zum Beispiel ein Kind und ein Erwachsener, eng miteinander verbunden sind und die eine der anderen hilft, Emotionen zu regulieren, entstehen neuronale Muster und Verbindungen. Diese Muster nimmt das Kind als eine Landkarte der Regulierung, die es sein ganzes Leben lang verwenden wird.
Im weiteren Verlauf des Lebens entwickelt sich diese Landkarte stetig weiter und die Regulation wird von ausschließlich fremdgetrieben (Co-Regulation) auf intern getrieben (Fähigkeit zur Selbstregulierung) übertragen.

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Co-Regulation – ein Weg:

1. Eine herzliche, reaktionsschnelle Beziehung, in der Fürsorge und Zuneigung gezeigt werden und Hinweise auf Stress, Wünsche und Bedürfnisse erkannt werden und darauf reagiert wird. Dies bedeutet auch, starke Beziehungen aufzubauen, indem man das Kind in schwierigen Zeiten unterstützt und sich wirklich um die Interessen und die Welt des Kindes kümmert. Eine herzliche und einfühlsame Beziehung bedeutet auch, dem Kind Respekt und bedingungslose positive Wertschätzung entgegenzubringen.

2. Es kann helfen, eine Umgebung zu schaffen, die der Entwicklung des Kindes angemessen begegnet. Selbstverständlich sollte das Kind physisch und emotional sicher sein. So kann das Kind lernen und seine Umgebung auf sichere Weise erkunden. Auch vorhersehbare Routinen und Erwartungen können auf dem Weg unterstützen.

3. Trainieren von Selbstregulierungsfähigkeiten durch Modellieren, Lehren und Üben der Eltern. Es macht wahnsinnig viel Sinn, dass wir Eltern immer wieder auf uns schauen, auf unsere Selbstregulationsfähigkeit und auf die Dinge, die uns „auf die Palme“ bringen. Ebenso, dass wir uns unserer Kraftquellen bewusst sind und immer wieder auf sie zurück greifen. Wir können nicht erwarten, dass Kinder wissen, wie man reguliert, wenn sie die Werkzeuge nicht in ihrer Werkzeugkiste haben! Wir Eltern sind hier das „Modell“ für unsere Kinder, von dem sie lernen. Oder die Werkzeugkiste, aus der sie ihre Werkzeuge schöpfen 😉.

 

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